Wenn ich nicht weiß, wofür ich das Fernstudium mache, bringt mir das beste Zeitmanagement nichts!

 

Hier kommt der Erfahrungsbericht einer Zeitmanagement-Trainerin, die in beruflicher Doppelbelastung einen Master absolvierte. Zeitmanagementexpertin und -trainerin Britta Ernst war so nett und hat mir im Rahmen meines Expertenrunde zwei Fragen zum Zeitmanagement im Fernstudium beantwortet. Da ihre Antworten so ausführlich und informativ sind, sollten ihre Antworten in einem eigenen Artikel erscheinen.

 

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Brigitta Ernst

Brigitta Ernst

Zur PersoBrigitta Ernst arbeitet elf Jahre lang mit einer Redaktions- und Ressortleitung im Hause der Augsburger Allgemeinen im Bereich der Sonder- und Verlagsveröffentlichungen in Dillingen. In dieser Zeit hat sie berufsbegleitend ein Masterstudium zum Wirtschafts- und Organisationspsychologen an der Donau Universität Krems innerhalb der 2,5-jährigen Regelstudienzeit mit einer Durchschnittsnote von 1,4 abgeschlossen. Daneben hält sie Seminare zu Selbst- und Zeitmanagement und Pressearbeit. Da ihr das akademische Arbeiten große Freude bereitet hat, hat sie sich nach dem Master für ein dreijähriges PhD-Programm eingeschrieben. Hier promoviert sie zu dem Thema: The European Data Protection Regulation „GDPR“ and the challenges for small and medium-sized companies in terms of its implementation. Für die Promotion hat sie die Redaktionsleitung auf eigenen Wunsch abgegeben.

Sie ist Autorin des Buches „Der Wissensgourmet“.

Ihr Websites:

www.zeit.vip

www.datenschutz-ernst.com

 

 

Und hier nun der Artikel von Brigitta!

1.) Unterscheidet sich das Zeitmanagement von FernstudentInnen vom Zeitmanagement anderer Gruppen, wie z.B. von Selbstständigen?

 

Ich glaube, das Zeitmanagement ist gegenüber anderen Berufsgruppen für Fernstudierende dahin gehend ein anderes, da es sehr viel um intrinsische Motivation geht. Bei Selbständigen ist es schnell existenziell, wenn sie sich nicht organisieren und Aufträge generieren. Im Job gibt es irgendwann immer eine Deadline oder Frist für Aufgaben. Kann ich die nicht halten und das passiert öfters, laufe ich Gefahr meinen Job zu verlieren. Also muss man es irgendwie hinbekommen.

 

 

Bei einem Fernstudium geht es zwar auch um die berufliche Existenz, aber erst in zweiter Linie. Erst wenn man irgendwann in ferner Zukunft das Diplom hat, haben sich die beruflichen Chancen verbessert und meist damit auch die monetären Möglichkeiten, die zusätzliche berufliche Qualifikationen bringen. Aber man braucht einen längeren Atem, bis man ernten kann, was man mit viel Verzicht über Jahre gesät hat. Schließlich gibt es selten jemanden, der einen gängelt oder wirklich zwingt Deadlines einzuhalten. Es gibt fast immer die Möglichkeit für einen späteren Termin, um Klausuren zu schreiben oder Hausarbeiten abzugeben. Das braucht viel Selbstdisziplin. Darauf möchte ich später eingehen.

 

So gilt es im Fernstudium ganz klar vorher die Motivation zu klären. Ich habe lange mit meinem abgebrochenen Erststudium gehadert und immer wieder überlegt, was ich für ein Diplom machen könnte. Doch über Fleiß, Engagement und Durchhaltevermögen war ich in meinem ersten Beruf in der Zeitung bereits zur Redaktionsleitung aufgestiegen, was normalerweise ein Studium voraussetzt. So war klar: Ein Diplom wird nichts an meinem Gehalt ändern und an meiner fachlichen Qualifikation für den Beruf eines Zeitungsmachers auch nicht. So wäre es nur ein Abschluss für mein Ego gewesen. Hier muss man ehrlich mit sich sein. Unter diesen Voraussetzungen hätte ich das Studium nie zu Ende gebracht. Deshalb habe ich es gelassen. Doch schon seit 2006 bin ich auch als Dozentin für Unternehmen und Weiterbildungsträger tätig. Ich halte Seminare rund um Zeit- und Selbstmanagement sowie persönliches Infomanagement und Pressearbeit. Hier habe ich in meinen Kursen immer wieder gemerkt: Die Teilnehmer können sich vorstellen, dass die Methoden und Tools zur besseren Selbstorganisation funktionieren, aber sie sind im Unternehmen häufig nicht umsetzbar. Warum das so ist, dieser Frage wollte ich gerne auf den Grund gehen. So beschäftigte ich mich mit Wirtschafts- und Organisationspsychologie. Allerdings gab es das zu dem Zeitpunkt nur als Masterstudium.

 

Auch hier für mich ganz klar: Ich würde keine drei Jahre in irgendeinen Bachelor investieren, um dann mal das zu studieren, was mich interessiert und mir beruflich auch etwas bringt. Daher recherchierte ich intensiv und fand die Donau Universität Krems, die mir meine damals acht Jahre als Leitung mit Personal- und Budgetverantwortung anrechneten und mich nach einem intensiven Assessment-Center zu dem Masterstudium zuließen. Angst zu versagen kann auch ein guter Motivator sein. Gleichzeitig war mein Ehrgeiz und vor allem meine Neugier an dem Fach geweckt. Hat man diese hohen Motivatoren, ist das Zeitmanagement nicht mehr die Frage. Ich hatte ein klares Ziel, ich wollte verstehen, wie Unternehmen ticken und warum Führungskräfte oft fragwürdig agieren, obwohl sie es sicherlich besser wissen sollten. Mit diesem Verständnis erhoffte ich mir bessere Trainingskonzepte, von denen meine Teilnehmenden besser partizipieren können.

 

Ist diese Grundlage geklärt, sind die Zeitmanagement-Werkzeuge wieder ähnlich zu anderen großen Aufgaben.

 

 

 

 

 

2.) Gibt es spezielle Zeitmanagementtechniken oder – tools, die sie FernstudentInnen besonders empfehlen können?


Elementar ist für mich: Sich als erstes SMARTE (Specific Measurable Achievable Reasonable Time)- Ziele zu setzen.
Das heißt: Sie müssen spezifisch, messbar, erreichbar, realistisch und terminiert sein. Gleichzeitig ist es wichtig, dass es attraktiv und realistisch ist. Was realistisch ist, ist immer von den eigenen Lebensumständen und inneren Ressourcen abhängig. Ich kenne eine fünffache Mutter, die voll arbeitet und nebenher immer Zusatzausbildungen macht und alles kein Problem ist, während die Singlefrau keine Kraft für ein Weiterbildungswochenende hat. Da sollte man ehrlich mit sich sein und auch nicht zu sehr nach anderen schauen. Das sorgt für unnötigen Stress.

Tipp: Studienziele festlegen, die SMART sind.


In diesem Zielsetzungsprozess gilt es, immer zu überlegen, wie integriere ich das Fernstudium in mein Leben? Trägt mein Partner, meine Familie das mit. Entlasten sie mich, dass ich Zeit dafür finde? Kann ich unbezahlten Urlaub nehmen? Bin ich bereit, Wochenenden zu investieren, während andere schön wegfahren oder faul auf der Couch liegen? Was lasse ich stattdessen in dieser Zeit sein? Ich zum Beispiel habe die langjährige ehrenamtliche Pressearbeit für den Verein Lachen Helfen e. V., der sich für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt, in der Zeit ruhen lassen. Das waren einige Stunden in der Woche, die ich so gewonnen habe. Es hilft auch, es bei seinen Freunden anzumelden, wenn man eine Weile nicht so viel Zeit für sie hat. Das entspannt alle und entlastet das eigene schlechte Gewissen.

Tipp: Integration des Fernstudiums in Alltag und Prioritäten setzen.

Konkret als Technik fand ich für mich die Pomodoro-Technik sehr wirksam. Sie hilft, große Aufgaben in viele kleine Teilaufgaben aufzuteilen. Gerade wenn es darum geht, 200-Seiten-Skripte zu lesen. Da sagt der innere Schweinehund, das schaffe ich ja nie…! Teilt man das in diese 25-Minuten-Technik auf, klingt das nach nicht so viel. Aber in der Zeit schafft man – abhängig vom eigenen Lesetempo – aber zirka 15 Seiten. Dann habe ich das Skript in zwei Wochen ganz entspannt durch. Das entlastet den inneren Antreiber und auch der innere Schweinehund ist still, der nach einem langen Tag im Büro lieber TV schauen will. 25 Minuten sind machbar und realistisch. Dann die Belohnung. TV schauen. Bitte ohne schlechtes Gewissen, dass man nicht auch noch was hoch Anspruchsvolles tut.

Tipp: Nutze die Pomodoro-Technik: 25 Minuten Arbeiten und dann eine Pause.

Hat man sich aufgerafft und sitzt am Schreibtisch, fällt es einem meist leichte, sitzen zu bleiben und doch etwas länger zu arbeiten. Das ist toll. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Sehr zeitsparend ist zudem, die Aufnahme des Stoffes an andere Tätigkeiten anzudocken. Ich zum Beispiel habe mir viele Themenfelder als Podcast oder Hörbuch besorgt. Im Worst Case kann man sich das aus dem Lehrbuch selber aufsprechen. Jedes Handy hat inzwischen die Aufnahmefunktion. Ich habe den Lehrstoff dann oft im Hintergrund laufen lassen, wenn ich im Auto oder der Bahn saß, in der Badewanne lag oder gekocht habe. Da hätte ich sonst nur Musik gehört. So war die Zeit besser genutzt. Z

Tipp: Den Lernstoff z.B. durch Sprachaufnahmen, Podcasts oder Hörbuch aufnehmen.

Zeitsparend ist ebenfalls, sich mit Lerntechniken zu befassen, zu überlegen, was ist mein bevorzugter Sinneskanal, dass man die Inhalte schneller drauf hat. Der eigene Tagesrhythmus ist ebenso wichtig. Ich hatte meine Lern- und Hausarbeiten-Zeiten immer morgens vor der Arbeit, da bin ich am leistungsfähigsten und entsprechend geht das schneller, als wenn ich mich abends quäle. Andere sind eher Nachteulen. Da auf sich achten, was einen unterstützt. Das spart viel Zeit. Ebenfalls zeitsparend ist das vernetzte Lernen und richtiges Lesemanagement. Ich habe viel mit Mind-Maps gearbeitet, wo die Inhalte aus unterschiedlichen Lehrbüchern und Informationsquellen an einem Ort kurz und knapp zusammengefasst waren.

Tipp: Kenne Lerntechniken, deinen (Bio-)Rhythmus und nutze Mindmaps!

Lerngruppen helfen ebenfalls Zeit zu sparen, wenn man ein erklärtes Ziel und einen zeitlichen Rahmen hat. Wir hatten Experten aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Einer kannte sich sensationell im Rechnungswesen aus. Der hat es uns einmal erklärt und alle haben es verstanden und sich lange Selbststudiumzeiten gespart. Hier schauen, wer in meinem Netzwerk ist ein Wissensträger und kann mir hier noch Hilfestellung geben.

Tipp: (Virtuelle) Lerngruppen bilden.

Ab und zu haben wir auch den Lernstoff aus dem Skript aufteilt. Jeder hat zwei Kapitel vorbereitet und den anderen präsentiert. Das ist sehr effizient und zeitsparend. Vor allem holt man auch den inneren Schweinehund ins Boot, der sonst ja gerne prokrastiniert. Schließlich will man den anderen ja keinen Unsinn erzählen, die sich auf einen verlassen. Gleichzeitig festigt sich das eigene Wissen, wenn man es vermittelt und man sieht schnell, wo noch Lücken sind. Dank Skype und Zoom ist das alles auch virtuell möglich. Gleichzeitig kann man sich so gegenseitig stärken und motivieren.

Tipp: Lernstoff aufteilen, Kompetenzen, Synergien und Motivation in Lerngruppen nutzen!

Eisenhower als Priorisierungstool und die 80-20-Regel von Pareto sollte man in jedem Fall auch immer anwenden, wenn man den Schreibtisch voll hat und nicht weiß, wo anfangen. Hier helfen klare Lernpläne. Schriftlich. Im Kalender terminiert. Wir haben alle zu viele andere Lebenshüte auf, um das nicht zu tun. Sonst rutscht es einfach durch und ehe man sich versieht, sind wieder drei Wochen um. Was ist jetzt wichtig, was ist dringend? Welche Klausur steht an.?Was ist mein eigener Anspruch? Möchte ich nur bestehen oder soll es mit einer 1 sein.

Tipp: Eisenhower-Prinzip und 80-20-Regel (Paretoprinzip) anwenden.

Wie gesagt, bei einem Fernstudium gängelt einen keiner. Daher muss man selber ein guter Zeitmanager sein. Die Regelmäßigkeit des Lernens entsprechend der eigenen Ziele ist auch wichtig, um eine Routine zu entwickeln. Sonst prokrastiniert man so einfach und es ist ja auch immer etwas anderes zu tun. Das ist ein enormer Zeiträuber. Wartet man nach den Vorlesungen mit dem Nachbereiten oder den Aufgaben zu lang, die einem gestellt wurden, ist das Vorwissen dazu nicht mehr so vorhanden. Viel ist schon vergessen. Dann dauert es lang, bis man wieder in der Materie drinnen ist. Der Sägeblatt-Effekt tritt auf, den man schon kennt, wenn man nur kurze Unterbrechungen hat. Man braucht mehr Zeit, da man sich in die Aufgabe wieder neu hereindenken muss. Für mich war das signifikant messbar. Habe ich fünf Wochen nach dem letzten Modul endlich mit der Hausarbeit angefangen, habe ich doppelt so lange für gleiche Ergebnisse gebraucht, als wenn ich mich direkt nach dem Modul, am besten am gleichen Abend noch motiviert hingesetzt habe und gleich umsetzte, wozu ich mir schon Vorüberlegungen in der Vorlesung kamen.

Tipp: Routine entwickeln und  Störungen (Sägeblatt-Effekt) vermeiden.

Daher sollte man auch klare Schlusszeiten nennen. Zum Beispiel. Ich gebe mir drei Tage für die Hausarbeit. Gibt man sich sechs Tage, werden es sechs Tage. Das Ergebnis wird nicht signifikant besser sein. Dabei greift das Parkinson-Gesetz. Das besagt, eine Aufgabe dauert so lange, wie man ihr Zeit für die Erledigung gibt und nicht wie komplex sie ist. So dämmt man übrigens auch ungesunden Perfektionismus ein.

Tipp: Klare Schlusszeiten nennen und Erholungspausen einhalten.

Technisch kann ich für das Zeit- und Selbstmanagement ganz klar OneNote empfehlen. Hier lassen sich so einfach Themen sammeln, sortieren und priorisieren. Mind-Mapping hilft mir, wenn ich Struktur in meinen Lernstoff oder die Hausarbeit bringen musste, damit ich mich nicht verzettel, was ja häufig der Fall ist. Gleichzeitig kann es als Tool genutzt werden, um das eigene, passive Wissen zu aktivieren und auf der anderen Seite Wissenslücken aufzuzeigen, wo ich lerntechnisch noch mal ran muss.

Tipp: OneNote zum Themen sammeln, sortieren und priorisieren nutzen.

Citavi ist ein Programm zur Literaturverwaltung und Wissensorganisation für Microsoft Windows. Sein Pendant ist Zotero, das noch etwas umfangreicher ist. 

Tipp: Citavi oder Zotero als Literaturverwaltungsprogramm nutzen.

Für das Lesen empfehle ich, sich mit dem Thema Speedreading und Lesetechniken zu befassen. Beherrscht man diese, spart man enorm Zeit. Der Vorteil an der heutigen Infoflut ist, es gibt zu jedem Thema unterschiedlichste Quellen. Taugt mir das Skript oder empfohlene Lehrbuch nicht, dann ist es wichtig, das Wissen erstmal aus anderen Quellen zu beziehen, die besser verständlich sind oder/und visuell besser aufbereitet sind. Jura war mein Angstfach, da ich im ersten Studium schon gescheitert war. Bei der ersten Klausur bin ich durchgeflogen, obgleich ich unfassbar viel gelernt habe. Aber eben ohne es immer so richtig zu verstehen. Dann habe ich nochmal bei Null angefangen, ganz einfach: mit Youtube-Tutorials für Azubis. Es folgten die gelben Dummybücher. Dann habe ich die Basis verstanden und konnte für das Detail noch mal in die vorgeschriebenen Lehrbücher schauen. Dann habe ich die Klausur bestanden.

Tipp: Nutze Speedreading und alternative Wissensquellen, z.B. You Tube oder Basisliteratur.

Und das Wichtigste: Es hat Spaß gemacht. Das sollte es generell. Man sollte den Weg zum Diplom lieben, das Erarbeiten von neuem Wissen, am Schreibtisch sitzen, Bücher wälzen, neue Erkenntnisse gewinnen und Dinge verstehen. Dieser Flow trägt einen über die langen und einsamen Strecken bis zum Diplom.

Tipp: Habe Spaß am Studium und nutze diese Motivation, um auch Durststrecken überstehen zu können.

Hier noch einmal die 5 besten Zeitmanagementtipps von Brigitta in einer Grafik!
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