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„Angewöhnen ist einfacher als abgewöhnen!“

 

Vor kurzer Zeit hatte ich die tolle Gelegenheit den Aufschieberitis Experten Daniel Hoch zum Thema Aufschieben, Motivation und Gewohnheiten im Fernstudium zu befragen. Herausgekommen sind viele Informationen und Tipps und Tricks für FernstudentInnen.

 

Zur Person:

Daniel Hoch ist Bestsellerautor und Mentalcoach. Er beschäftigt sich mit dem Thema „Aufschieberitis“, weil er a) immer hinterfragen hat, warum er gewisse Dinge nicht macht oder zu Ende bringt und b) weil ihm in seiner damaligen Zeit als Personal Coach aufgefallen ist, dass Menschen, obwohl sie gerne besser werden wollen, diese Sachen nicht anpacken. Das hat ihn dann aufhorchen lassen und ist den Gründen auf die Spur gegangen. Er betitelt sich als „Verhaltensforscher“ auf dem Weg zum Erfolg! Die Website: https://www.danielhoch.com

 

 

Könntest du mir und den Lesern den Begriff Prokrastination kurz erklären?

Prokrastination ist der lateinische Begriff für das Aufschieben bzw. die Aufschieberitis. Die Aufschieberitis ist ein Kunstwort. Dahinter steckt das gewollte und nicht gewollte Aufschieben von Dingen, die entweder lästig ist oder unangenehm, oder, man mag es nicht glauben, auch Dinge, die angenehm sind. Es gibt nämlich auch Dinge, die angenehm sind. Die benötigen aber eine gewisse Anstrengung, um sie zu erlangen und dann schiebt man es trotzdem raus.

Also: Obwohl ich etwas gerne haben würde, schiebe ich es auf? Einfach weil es so anstrengend ist, wie z.B. ein Studium?

Genau. Aber das Lästige am Studium dient ja trotzdem dem Ziel, das Studium abzuschließen, cooles Geld zu verdienen und seine Wünsche und Ziele zu erreichen. D.h. Alle wollen erfolgreich sein, aber keiner will es werden. Ich schiebe, das muss man unterscheiden, an für sich nicht das Ziel , sondern das Tun vor mir her.

Wen betrifft die Aufschieberitis? Zieht sich das Problem durch alle Schichten und (Berufs-)Gruppen? Oder ist die Aufschieberitis vielleicht sogar ein spezielles Problem?

Nein, das ist kein spezielles Thema für irgendeine Branche z.B. Es betrifft einfach jeden Menschen. Jeder hat Dinge, die er macht und die er im gleichen Moment nicht macht. Da gibt es zwei Gründe:

  • Lust

    und

  • die schnelle Befriedigung, die einfach bei kleinen, weniger wichtigen Sachen einfach eher auftritt als beim diszipliniert und geduldig sein. Es gibt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, zwischen Jung und Alt oder zwischen verschiedenen Berufsgruppen.

Sind (Fern-)StudentInnen besonders von Aufschieberitis betroffen und wenn ja, warum?

Ja, das hat den Grund, dass sie weitestgehend in einer Lebensphase sind, in der sie sich ausprobieren können und zum ersten Mal machen können, was sie wollen und dürfen. Sie müssen sich zum ersten Mal im Leben selber führen. In dieser Phase fällt es halt am ehesten auf und da wird es halt ausprobiert.

D.h. Aufschieberitis ist auch ein Problem der Freiheit?

Ja, das ist die berühmt-berüchtigte Qual der Wahl.

Sind FernstudentInnen öfters betroffen? Ein Beispiel ist doch der Fernstudent, der eigentlich arbeiten müsste, aber doch im Internet surft.

Ja, das hat gewisse Gründe:

  • Der Eine ist, dass FernstudentInnen noch mehr Freiheiten haben. Sie haben noch weniger einen Dozenten, der sie zwingt in die Uni zu kommen, z.B. weil bestimmte Vorlesung stattfinden. Es gibt von Außen nicht mehr den Kontrolleur und den Treiber.

  • Das Zweite ist der Ort. In der Bibliothek oder in der Uni selber lernt es sich meistens leichter, weil es weniger Ablenkungen gibt und man leise sein muss. Zu Hause gibt es die Waschmaschine, die Katze, die Kinder, den Haushalt etc. Du hast W-Lan und es gibt niemanden, der meckert, wenn du mal telefonierst. Du hast zu Hause die totale „Wohlfühloase“. Es geht im Übrigen auch den Selbstständigen und EinzelunternehmerInnen auch so. Deswegen sind „Co-Working-Spaces“ bzw. „Co-Study-Spaces“ für StudentInnen ganz ratsam, wo man sich gemeinsam trifft. Der Co-Study-Place ist übrigens der Starbucks. 😉 (Do: Bild Café einfügen). Natürlich geht das auch mit einer gut organisierten Lerngruppe, gerne auch online.

Es gibt übrigens eine Firma namens WeWork , die sich gegründet hat. Sie bietet Co-Working-Spaces für Arbeitnehmer, aber auch Studenten, an.

Bei all dem geht es nur darum, sich an einem ruhigen Ort weniger ablenken zu lassen. Es geht um die Fokussierung, auf das, was ich lernen will, und um eine Strategie, alle Dinge rauszuschmeißen, die mich ablenken könnten.

Zusammenfassend geht es also um Fokussierung und um wenig Ablenkung an einem geeigneten Ort. Gibt es noch weitere Tipps, wie ich weniger aufschieben kann?

Ja:

  • Fange morgens mit dem an, was beschissen, groß und schwierig ist. Und nicht mit den kleinen Sachen, sondern mit den Dingen, die viel Aufmerksamkeit und Energie benötigen. Mache das zu deiner grundlegenden Disziplin.

  • Finde deinen eigenen Biorhythmus. Also, wann bist du am fokussiertesten und wann ist deine beste Zeit zum Lernen? Mache deinen Rhythmus nicht von Äußerlichkeiten abhängig, sondern höre auf deinen Körper. Bist du z.B. eher ein Nachtlerner, dann ist es eher ungünstig in einer Lerngruppe mit „Frühlernern“ zu sein.

  • Außerdem: Lerne nicht vorm Essen! Lerne nach der Verdauung. Sprich. Lerne nicht direkt vor oder nach dem Essen, sondern „zwischen dem Essen“! So hast du genug Energie.

Fazit: Bringe dich in einen Rhythmus, der für dich alle positiven Voraussetzungen körperlicher und geistiger Natur hat.

Ein weiterer Tipp für alle Smartphonebesitzer: Es gibt mehrere Apps, auf denen du einstellen kannst, dass du eine bestimmte Zeitlang kein W-Lan und Internetzugang hast.

Mein Tipp ist übrigens, die sehr einfach gehaltene, kostenlose App Stay focused, bei der ihr sogar bei Nichtbenutzung des Handys einem Baum beim Wachsen zuschauen dürft: https://www.chip.de/downloads/Forest-Stay-focused-Android-App_75336057.html .

Jetzt zu den Gründen der Aufschieberitis: Ist das eigentlich reine Willenssache?

Es gibt mehrere Gründe. Ein Grund ist nicht der fehlende Wille, sondern die mangelnde Willensausdauer. Das ist die Disziplin, also die Fähigkeit an einer Sache dran zu bleiben und Geduld zu haben, weiter zu machen.

Beim Willen muss man zwei Sachen unterscheiden (bzw. fragen):

  • Vielleicht schiebst du etwas auf, weil du es eigentlich gar nicht erreichen willst. Also: Ist es das, was du wirklich willst?

  • Wie gut ist deine Willensausdauer?

Oft hat man nicht gelernt, diszipliniert und geduldig zu sein, weil man immer das bekommen hat, was man wollte. Man kann es also auch mal mit einem anderen Fokus sehen: Wenn ich es jetzt schaffe , etwas durchzuziehen und erfolgreich zu beenden, dann habe ich etwas Neues gelernt. Mit dieser erhöhten Disziplin schaffst du weitere Ziele und Aufgaben noch viel besser und leichter.

Suche dir also ein Ziel, auf das du ganz viel Lust hast, und benutze es dafür, dir eine neue Charaktereigenschaft anzutrainieren.

Wie lange dauert es denn, sich so etwas anzutrainieren bzw. mir meine schlechten Angewohnheiten abzutrainieren?

Mit einer Antwort mit einer durchschnittlichen Zahl komme ich jetzt nicht. Also man braucht entweder 1, 7, 12 oder 90 Tage!

Der 1. Tag markiert den Beginn und ich versuche eine Woche durchzuhalten. Wenn ich die Woche geschafft habe, dann versuche ich 21 Tage zu schaffen. Und dann mache ich meistens auch den Monat voll. Und wenn ich den Monat voll gemacht habe, dann probiere ich es drei Monate. Wenn ich das geschafft habe, dann ist die Chance recht groß, daß ich mir die neue Angewohnheit angeeignet habe.

Alle versuchen, sich etwas abzugewöhnen, aber das geht nicht. Eine Angewohnheit ist auch nicht anderes als eine Taktik bzw. eine Strategie. Und eine Strategie zu haben, ist super. Wenn sie schlecht wäre, hätten wir sie nicht.

Das Ziel muss also ein Anderes sein:

1.) Respektiere diese Gewohnheit.

2.) Gewöhne dir eine neue Angewohnheit an, die in diesem Fall zielführender ist.

Somit habe ich zwei Gewohnheiten und kann die dann wollwollend einsetzen. D.h. Lieber etwas angewöhnen als abgewöhnen! Angewöhnen ist einfacher als abgewöhnen!

Gibt es auch eine krankhafte Variante der Aufschieberitis, die behandlungsbedürftig ist?

Ja, immer wenn es gesundheitliche Auswirkungen hat. So z.B. wenn ich mir oder Anderen wehtue, körperlich oder emotional. Körperlich ist einfach zu definieren: Wenn ich dadurch sterbe!

Mein Schwiegervater hatte einen Herzinfarkt. Nach dem ersten Infarkt hat er sich vorgenommen, gesünder, besser und entspannter zu leben. Das hat er dann sechsmal versucht, aber nie wirklich gemacht. Nach dem 6. Infarkt ist er dann gestorben.

Das ist natürlich extrem, wenn jemand dann stirbt, obwohl er den Grund eines Leidens und die Strategie dagegen kannte. Und wenn er/sie dann nichts ändern kann oder möchte, ist das tragisch.

Pass auf: Nicht-Können ist immer eine Ausrede. Dumm ist noch nie jemand gestorben, sondern faul: Das Wissen liegt auf der Strasse und ist einfach zu bekommen, z.B. durch Podcasts, Videos, Internetseiten, Bücher etc. Wenn ich Umfragen bei meinem Studenten mache, dann sagen die: „Ca. 1000 Stunden im Jahr schaue ich Fernsehen und im Internet bin ich noch einmal ca. 800-1000 Stunden.“ Wenn ich das einmal runter rechne, dann sind die Studenten an 80 von 365 Tagen mit sinnfreien Dingen beschäftigt. Und das muss man sich wundern. Also: Gewusst wie!

Was hältst du vom allgegenwärtigen Selbstoptimierungstrend? Also, alles immer besser und optimierter machen zu wollen?

Ich finde diesen Trend gut, weil man:

  • anfängt, sich mit sich selber zu beschäftigen

  • sich weiterentwickelt

  • anfängt, lustvoller und gieriger zu werden, bei dem, was uns die Welt uns bietet.

Wir sind dann nicht unbedingt nur noch auf Sicherheit und Kontrolle bedacht, sondern wir kommen in die Phase der Lebensgestaltung. So kommen wir auf ein neues Reifeniveau, in dem wir selber die Verantwortung übernommen haben.

Selbstoptimierung hat aber seine Grenzen, weil wir heutzutage nicht unsere Denkmuster und Denkweisen optimieren, sondern wir optimieren zu 99% von Außen. D.h. Unser handeln und unser Tun optimieren wir. Wenn wir aber das ausgereizt haben und wir nicht mehr weiter optimieren können, dann entsteht eine gewisse Unzufriedenheit. Denn wir dann noch kein besseres, schöneres Leben haben, sprich immer noch aufschieben, obwohl wir uns selbstoptimiert haben, obwohl wir die ganzen Apps und Tricks benutzt haben, dann wären wir ja unglücklich. Wir haben ja immer noch nicht das Ziel erreicht.

Und dann müssen wir uns fragen, bis wohin geht die Selbstoptimierung und fängt die Selbstoptimierung an? Weil was wir optimieren, ist nicht die Selbstoptimierung, sondern das Tun und Handeln. Wenn aber in uns unserem Kopf, in unserer Denke, in unserem Mindset, das Ganze auf Aufschieben programmiert ist, wir nach Lust und nicht das Ergebnis gehen und wir auf der Handlungs- und nicht der Denkebene agieren, dann kommen wir da auch nicht weiter.

Die Selbstoptimierung, das merken wir ja schon in der Realität, geht dem Einen oder Anderen gehörig auf den Sack, weil wir uns fremdbestimmt fühlen durch Handy, durch Apps, durch sämtliche Überwachung, die wir uns selbst auferlegt haben. Der Mensch steht immer noch nicht im Mittelpunkt oder zu wenig. Und weil es doch Selbstoptimierung heißt, versuchen wir unser „Selbst“ zu optimieren. Man kann das Selbst aber nicht optimieren. Man kann es nur erkunden, reflektieren, akzeptieren („So bin ich“) und dann kann ich in die Entwicklung statt der Optimierung gehen. Denn optimieren tue ich das, was schon da ist. Wenn aber das, was schon da ist, für das Aufschieben spricht, dann kann ich optimieren wie ich will. Also muss ich das Denken, also das Selbst bzw. mein Sein, weiterentwickeln.

Gibt es weitere Tipps oder Bücher zum Thema „Aufschieberitis, die du empfehlen könntest?

Google das Wort und lese dich in die Thema ein! Das impliziert dann ein Akzeptieren. Akzeptieren heißt jetzt nicht: Leg dich hin und schlaf! Akzeptieren heißt: Es ist so, ich gehe mal los und guck mir mal was an.

Es gibt diverse Bücher dazu. Es gibt tolle Bücher, nicht nur meins (Daniel Hochs  Aufschieberitis), sondern auch andere Bücher, die ich toll finde. Wie z.B. „ The One Thing“  von Gary Keller und Jay Papasan oder auch „Die 4-Stunden-Woche“ von Timothy Ferris.

Auch wenn dieses Buch sehr übertrieben klingt für den Leser. Wenn man das mit einem gewissen Blick liest, kann man ganz viel daraus mitnehmen.(…) Die Denkansätze dahinter, die sind fantastisch.

Danke für das Interview und deine guten Tipps für alle FernstudentInnen, Daniel!

Hier noch einmal die 5 besten Tipps von Daniel in einer Grafik! Wenn du noch mehr Input und Tipps rund um Aufschieberitis, Motivation und Zeitmanagement erhalten willst, dann werde Teil der Fernrohrcommunity. Unten kannst du dich dafür anmelden!